HL-Live vom 25.3.2010:

Ältester fliegender Verein wurde 100 Jahre!

Bereits vor über 100 Jahren stiegen in Lübeck tollkühne Männer mit ihren "fliegenden Kisten" in die Lüfte. Damit ist der "Lübecker Verein für Luftfahrt" der älteste Luftsportverein im ganzen Land. Anlass für den Landessportreferenten Eckhard Jacobs, dem Vereinsvorsitzenden Torsten Rieß bei der Jahreshauptversammlung am Mittwochabend die "Sportplakette des Bundespräsidenten" samt Ehrenurkunde der Landesregierung zu überreichen.

Eigentlich hätte die beiden Staatsoberhäupter auch persönlich kurz vorbeischauen können, so Torsten Rieß: "Just im Moment der feierlichen Übergabe fuhr die Wagenkolonne von Präsident Köhler mit Blaulicht am Vereinsheim vorbei, zur wartenden Präsidentenmaschine!" Minuten später dröhnte der Flieger über den Köpfen der Vereinspiloten – Richtung Berlin.

Und eigentlich hätte die Ehrung ja schon vor zwei Jahren erfolgen müssen. So lange hatte es gedauert, bis Hobbyflieger und Luftfahrtexperten bergeweise die Akten des Fliegerclub-Archivs gewälzt hatten, bis sie die 100-jährige Vereinstätigkeit den Behörden nachweisen konnten. Schatzmeisterin und Pilotin Kerstin Regeese: "Am Schluss war es ein dicker Packen mit alten Fotos, Dokumenten, Zeitungsartikeln, Gründungsurkunde der Neugründung in den 60er Jahren, die wir dann nach Kiel geschickt haben."



Die sorgfältige Dokumentation hat die Kieler Behörde überzeugt: Der "Lübecker Verein für Luftfahrt" ist der älteste Hobbyfliegerclub nördlich der Elbe!

Heute hat der fliegende Verein aktuell 100 Mitglieder, davon neun Frauen. Die beiden 4sitzigen Vereinsmaschinen vom Typ Piper PA 28 Archer II und III sind Clubeigentum und werden von den aktiven Piloten nach exakt vorgeschrieben Regeln und Sicherheitschecks geflogen. Torsten Rieß: "Sicherheit ist oberstes Gebot. Wir haben aktuell vier Fluglehrer im Verein, die jetzt nach der Winterpause wieder mit allen Aktiven die Überprüfungsflüge machen – einschließlich Notfallübungen und so weiter."

Den Rest des Jahres schulen die Fluglehrer in der vereinseigenen Flugschule den Nachwuchs. Rund ein Jahr dauert die Ausbildung. Voraussetzung ist die festgestellte Flugtauglichkeit durch den Fliegerarzt und vor allem - Neugierde auf eine ganz ungewöhnliche Sportart: Die Welt und die eigene Heimatstadt von oben erleben! Parallel zu den ersten Flugstunden läuft die theoretische Ausbildung abends im Vereinsheim mit Technik- und Wetterkunde, Aerodynamik, Navigation, Funknavigation und Luftrecht. Spannend für Neulinge sind vor allem die ersten Flugstunden – denn gleich ab der ersten Minute soll und muß der Schüler vom linken Pilotensitz den Flieger in der Luft selbst steuern. Geradeausflug, erste Kurven, Steig- und Sinkflug. Nur Start und Landung übernimmt zunächst der Fluglehrer.

Doch bereits nach kurzer Zeit lernt der Neuling(bei ruhiger Wetterlage), die Maschine auch selbst zu starten und zu landen – am Doppelsteuer vom rechten Sitz aus korrigiert der Fluglehrer unmerklich, greift im Notfall ein – kann bei einem "verpatzten Anflug" das Flugzeug sofort durchstarten. Und dann kommen praktische Flugübungen, Landen bei Seitenwind und - fast - jedem Wetter, solange, bis jeder Handgriff sitzt. Oberste Regel für den Piloten: beim Fliegen niemals ein Risiko eingehen und stets kühlen Kopf bewahren, auch wenn plötzlich eine Lampe auf dem riesigen Armaturenbrett blinkt – für jede mögliche Situation wird mit dem Piloten das richtige Verhalten trainiert, bis es fast automatisch funktioniert. Denn mentales Training ist wohl der wichtigste Teil der Flugausbildung, und für viele Nachwuchspiloten auch der reizvollste!

Denn jetzt wird es spannend: Nach mehreren Monaten Flug-Training mit dem Lehrer kommt der erste "Alleinflug" – nur über dem heimischen Flugplatz. Über Flug-Funk gibt der Fluglehrer vom Boden aus letzte Tips. Dann werden die Ausflüge des Flugschülers immer weiter – am Schluß sogar ein 200 km Soloflug mit Zwischenlandung. Bis schließlich die praktische und schriftliche Prüfung kommt - mit Erhalt des lang ersehnten Flugscheins.

Doch vor jedem Start, vor jeder Landung: immer wieder müssen die Piloten des Lübecker Fliegerclubs die Checklisten der Maschine durchgehen, Kontrollen ausführen –Sicherheit ist oberstes Gebot in der Fliegerei. Alle 50 Stunden geht das Flugzeug zur Wartung in die Werkstatt. Deshalb ist Fliegen statistisch das sicherste Verkehrsmittel.

Und: Fliegen ist viel günstiger als viele denken. Die Lübecker Vereinsmitglieder haben alle ganz "normale" Berufe: sie sind Handwerker, Angestellte, Techniker, Lehrer - und Detektiv. Das Hobby Fliegen ist nicht teurer als Tennis, Segeln oder Golfspielen – auch, weil sich häufig zwei Piloten bei Ausflügen eine Maschine teilen - und die Kosten, zum Beispiel mit mitfliegenden Passagieren.

Auch Clubchef Torsten Rieß, von Beruf Steuerberater, liebt sein Hobby. Er hat nur einen Wunsch: mehr junge Flugschüler und Piloten im Verein! Inzwischen haben auch Frauen die Fliegerdomäne erobert: Wie gesagt - neun weibliche Piloten hat der Lübecker Verein derzeit. Eine von ihnen, Fliegerärztin Dr. Marion Timme, hat bis jetzt als 2. Vorsitzende die Geschicke des Vereins mit gesteuert und wurde dafür geehrt. Selbst begeisterte Pilotin, verdankt sie dem Fliegen auch ihr privates Glück: auf dem Flugplatz hat sie ihren späteren Ehemann kennengelernt, der prompt auch den Flugschein machte.

Der baumlange Pilot und Tanzlehrer Thomas Buck sorgt im Verein dafür, dass die Mitglieder überhaupt in die Luft gehen können, kümmert sich darum, dass die komplizierte Technik stets funktioniert. Nur so können die Hobbypiloten direkt vom heimischen PC aus die Vereinsflugzeuge buchen inklusive Flugwetter und Streckenplanung.



Details für Technik-Freaks: Die beiden Piper-Flugzeuge des Lübecker Luftsportvereins erreichen eine Reisegeschwindigkeit von rund 200 km/h bei maximal fünf Stunden Reichweite. Das heißt: bei gutem Wetter kommt man einmal quer durch Deutschland.

Wer jetzt Lust bekommen hat, die Fliegerei aus der Nähe zu erleben, vielleicht bei schönem Wetter einen Rundflug zu machen : Jeden Sonntag ab 11 Uhr ist Fliegerfrühstück im Vereinsheim mit den Piloten des "Lübecker Verein für Luftfahrt", Blankenseer Straße 101, Eingang Tor 21 (bitte klingeln) oder einfach anrufen beim Vereinsvorsitzenden Torsten Rieß, Tel. 31111.

Zum 100. Geburtstag erhielt der Verein die Ehrenplakette des 
Bundespräsidenten. Fotos: Verein

Zum 100. Geburtstag erhielt der Verein die Ehrenplakette des Bundespräsidenten. Fotos: Verein

 Autor: Thomas Willam vom 25.03.2010